Der amerikanische Sänger, Schauspieler und Entertainer Harry Belafonte ist im Alter von 96 Jahren gestorben. (Urheber/Quelle/Verbreiter: Thomas Schulze/dpa)

Mit zwei langgezogenen Silben wurde Harry Belafonte zum Weltstar: «Daaaay-Ooo» sang er zum Auftakt des Calypso-Hits «Banana Boat Song», der längst zum Ohrwurm-Klassiker geworden ist. Mehr als 100 Millionen Alben mit Songs wie «Island in the Sun», «Matilda» und «Jump in the Line» verkaufte Belafonte danach, spielte in mehr als 40 Filmen mit – und engagierte sich immer auch politisch.

An der Seite von Martin Luther King Jr. kämpfte er für schwarze Bürgerrechte in den USA, mit Nelson Mandela gegen die Apartheid in Südafrika und als Unicef-Botschafter für Kinder auf Haiti und im Sudan.

Am Dienstag starb Belafonte im Alter von 96 Jahren, wie die Agentur seines langjährigen Sprechers Ken Sunshine der Deutschen Presse-Agentur bestätigte. Zuvor hatte die «New York Times» berichtet. Belafonte starb demnach am Dienstagmorgen in seinem New Yorker Zuhause an Herzversagen, mit seiner Frau Pamela an seiner Seite. Neben seiner Frau und vier Kindern hinterlässt Belafonte zwei Stiefkinder und acht Enkel.

Trauer in der ganzen Welt

Zahlreiche Wegbegleiter und Fans trauerten öffentlich um Belafonte. «In Musik, Film und Theater hat er Millionen mit seinem unnachahmlichen Charme und Charisma berührt, aber darüber hinaus hat er sein Leben dem Kampf für Menschenrechte und gegen Ungerechtigkeit in all ihren Formen gewidmet», sagte UN-Generalsekretär António Guterres. «In diesem Moment der Trauer, lasst uns ein Beispiel an ihm nehmen.» Kulturstaatsministerin Claudia Roth kommentierte, die Welt habe mit Belafonte einen «legendären Künstler und Humanisten verloren».

US-Präsident Joe Biden würdigte Belafonte als «bahnbrechenden Amerikaner, der sein Talent, seinen Ruhm und seine Stimme genutzt hat, um die Seele unserer Nation zu erlösen». Seine Errungenschaften seien legendär, sagte Biden weiter. Auch der frühere US-Präsident Barack Obama würdigte Belafonte: «Er hat ein gutes Leben gelebt – die Kunst verändert und sich gleichzeitig für die Menschenrechte eingesetzt. Und er hat das alles mit dem ihm ganz eigenen Lächeln und Stil gemacht.»

Die frühere Vorsitzende des US-amerikanischen Repräsentantenhauses, Nancy Pelosi, bezeichnete Belafonte als «kulturellen Giganten, der Pfade in der amerikanischen Musik und im Kampf zur Realisierung der höchsten Ideale Amerikas vorgelegt hat».

Bernice King, Tochter von Martin Luther King Jr., erinnerte via Twitter daran, wie Belafonte ihre Familie einst unterstützte – und wie er gemeinsam mit ihrer Mutter um ihren Vater trauerte, nachdem dieser ermordet worden war. «Wir müssen Gott danken, dass wir Harry Belafonte 96 Jahre lang hatten», sagte der Sänger John Legend. «Wenn man daran denkt, was es bedeutet, ein Künstler und ein Aktivist zu sein, dann hat er das komplett verkörpert.»

Belafonte sei ein «Wegbereiter und Held» gewesen, schrieb Moderatorin Oprah Winfrey bei Instagram. Schauspielerin Mia Farrow kommentierte: «Ich vermisse dich jetzt schon, Harry.»

EGOT-Gewinner

Belafonte gehört zu den wenigen Menschen, die alle großen Entertainment-Preise der USA – Emmy, Grammy, Oscar und Tony – gewonnen haben, ist also ein sogenannter «EGOT». Noch im November war er in die Ruhmeshalle des Rock & Roll aufgenommen worden.

Seine Lebensgeschichte ist die Geschichte Amerikas im 20. Jahrhundert. 1927 wurde Belafonte in Harlem geboren, verbrachte aber einen großen Teil seiner Jugend in der jamaikanischen Heimat seiner Mutter. Als der Zweite Weltkrieg ausbrach, holte ihn seine Mutter nach New York zurück. Dort beendete Belafonte die High School nicht – stattdessen ging er zur US Navy, wo er fast zwei Jahre lang als Munitionsladearbeiter diente. Zurück in New York arbeitete er unter anderem in Schneidereien und im Reinigungsdienst.

Für Reparaturarbeiten in einer Wohnung bekam er eines Tages zum Dank ein Ticket für eine Theatervorstellung geschenkt – und Belafonte hatte seine Leidenschaft gefunden. Er ging an die legendäre Schauspielschule des emigrierten deutschen Regisseurs Erwin Piscator – mit Kollegen wie Tony Curtis und Marlon Brando.

Gerne wäre er der «erste schwarze Hamlet» geworden, wie er einmal in einem Interview sagte. Stattdessen wurde es Hollywood mit Filmen wie «Bright Road» (1953) und Otto Premingers «Carmen Jones» (1954).

«Calypso-King»: Aufschrei gegen Sklaverei

Die Musik kam dazu und Belafonte, Sohn eines Schiffskochs aus Martinique und einer Hilfsarbeiterin aus Jamaika, wurde zum «Calypso-King». Hinter der heiteren Urlaubsmusik steckt ein Aufschrei gegen Sklaverei. «So haben meine Vorfahren eben ihren Protest verpackt. Schwarze Kunst war immer verschlüsselt», sagte Belafonte. Abseits der Musik verschlüsselte er seine Kritik nicht – ob an Präsidenten wie George W. Bush, Barack Obama und Donald Trump, oder auch an seinen Musikkollegen, denen er vorwarf, sich zu wenig um ihre «gesellschaftlichen Pflichten» zu kümmern.

In seiner 2012 erschienenen Autobiografie «My Song» sprach Belafonte auch von seinen dunklen Seiten, von seiner Spielsucht und Untreue beispielsweise. Zwei Ehen zerbrachen, in dritter Ehe war der Vater von vier Kindern und Großvater von acht Enkelkindern seit 2008 mit der Fotografin Pamela Frank verheiratet.

Vom deutschen Publikum begeistert

Zu Deutschland hatte Belafonte immer eine ganz besondere Beziehung. Die Deutschen seien seine größten Fans, sagte er einmal. «Ich bin mir nicht sicher, ob ich die Gründe dafür wirklich durchschaue.» 1958 kam er zum ersten Mal nach Deutschland, das teilweise immer noch in Ruinen liegende Berlin wirkte auf ihn grau und abweisend – aber das deutsche Publikum begeisterte ihn. «Die Dankbarkeit – die Liebe und Herzlichkeit -, die mir von diesem deutschen Publikum entgegengebracht wurde, zählt zu den schönsten Erinnerungen meiner Karriere.»

Noch im vergangenen Jahr hatten Stars wie John Legend, Lenny Kravitz oder Michael Moore unter dem Titel «HB95» den 95. Geburtstag des Multitalents mit einer ganz besonderen Party gefeiert. Mit dem Spektakel hatten sie auch Spenden gesammelt für die von Belafonte gegründete Organisation Sankofa, die inzwischen seine Tochter Gina leitet und die Künstler zum gemeinsamen Kampf für Gleichberechtigung zusammenbringen will. «Ich fühle mich geehrt, dass so viele Menschen zusammenkommen, um meinen Geburtstag, mein Leben und meine Hinterlassenschaft zu feiern», hatte Belafonte damals gesagt.

Von Christina Horsten, dpa