Regisseurin Julia von Heinz (l) und Hauptdarstellerin Mala Emde bei den 77. Filmfestspielen von Venedig. (Urheber/Quelle/Verbreiter: Gian Mattia D'alberto/Lapresse via ZUMA Press/dpa)

Eigentlich wäre Julia von Heinz gerade viel in Hollywood unterwegs. Werbung machen für ihren Kinofilm «Und morgen die ganze Welt», deutscher Kandidat für den Auslands-Oscar.

Doch wegen Corona platzte die Tour, wie sie etwa Florian Henckel von Donnersmarck vor seinem Oscargewinn 2007 für sein Stasi-Drama «Das Leben der Anderen» gemacht hatte. Nun wirbt die 44-Jährige aus dem Raum München via Internet für ihr Drama über eine Studentin (Mala Emde), die mit der Frage konfrontiert wird, welche Formen des Widerstands im Kampf gegen Rechtsextremismus erlaubt sind. Ob es der hochpolitische Film bei den Oscars in die engere Auswahl schafft? Das gibt die Academy of Motion Picture Arts and Sciences am Dienstag (9. Februar) bekannt.

«Natürlich verspürt man auch einen Verlust darüber, dass man die Oscar-Kampagne nur online erlebt und nicht in Los Angeles», sagt von Heinz der Deutschen Presse-Agentur. «Nun sitze ich stattdessen vor dem Laptop und schaue auf den Schnee vor meinem Fenster.»

Kleiner Trost: Auch vielen anderen Filmemachern geht es so. Rund 90 Länder reichen jedes Jahr Beiträge für die Oscar-Kategorie «International Feature Film» ein, 15 kommen auf die Shortlist. Und es wird weiter ausgesiebt: Am 15. März werden die fünf Nominierten für den besten internationalen Spielfilm verkündet, bevor am 25. April endlich die berühmten Goldtrophäen verliehen werden sollen.

Dabei hat der deutsche Beitrag prominente Konkurrenz. Die Filmseite indiewire.com räumt etwa dem Schweizer Drama «Schwesterlein» mit Lars Eidinger und Nina Hoss ebenso Chancen auf einen Platz auf der Shortlist ein wie Thomas Vinterbergs dänischem Alkohol-Drama «Der Rausch» mit Mads Mikkelsen.

Doch «Und morgen die ganze Welt» ist hochaktuell und greift mutig ein brisantes Thema auf, das von Heinz auch mit Blick auf ihre eigenen Erfahrungen als Jugendliche erzählt. Die Jurastudentin Luisa, hervorragend gespielt von Mala Emde («Charité»), ist immer mehr in antifaschistischen Kreisen aktiv. Im Kampf gegen rechts schrecken ihre neuen Freunde auch vor Gewalt nicht zurück und Luisa muss sich entscheiden, wie weit sie selbst gehen möchte.

Eine Debatte, die in Zeiten von Verschwörungserzählungen, steigendem Antisemitismus und einem Wiedererstarken der Rechten in Deutschland und Europa sowie in den USA von großer Aktualität ist. Im Kino war der Film allerdings nur vier Tage zu sehen, seit 2. November sind die Filmtheater dicht. Nun soll er ab April auf Netflix laufen.

Der FilmFernsehFonds Bayern unterstützte das Projekt finanziell, ebenso das Medienboard Berlin-Brandenburg, die Medien- und Filmgesellschaft Baden-Württemberg sowie die ARD und der Kultursender Arte. Eine Tatsache, die die AfD in höchstem Maße erzürnte, nicht zuletzt weil in dem Film eine Partei namens Liste 14 auftaucht.

Diese verweise unübersehbar auf die AfD, befand deren Bundestagsabgeordneter Marc Jongen. «Der Film versucht damit mehr oder weniger unverhohlen, die AfD als Teil einer rechtsextremen Gefahr zu denunzieren, deren Bestreben es ist, die Demokratie in Deutschland zu unterminieren.» Dass so eine «diffamierende Propaganda gegen eine demokratische Oppositionspartei» mit Steuermitteln unterstützt werde, sei fragwürdig. Jongen kritisierte überdies immer restriktivere und ideologischere Kriterien in der Filmförderung.

Von Heinz weist diese Kritik zurück. Sie habe versucht, einen genauen und präzisen Blick auf die Gruppierungen zu werfen und habe sich kritisch damit auseinandergesetzt. Allerdings: «Dass der Film parteiisch ist und sich gegen rechts richtet, ist sicherlich richtig.» Auch Ähnlichkeiten zwischen der Liste 14 und der AfD seien da. Doch von Heinz sieht sich im Recht. Sie habe den Eindruck, dass die AfD die Kunstfreiheit einschränken oder gar abschaffen wolle. Vermutlich reagiere die Partei so, weil sie sich erkannt fühlte, vermutet sie.

Die Filmbranche sieht von Heinz deshalb besonders in der Pflicht, nicht nur zu unterhalten, sondern auch mutig und unbequem zu sein. Das legt sie auch den Studierenden der Hochschule für Fernsehen und Film (HFF) in München ans Herz, wo sie mit Marcus H. Rosenmüller («Trautmann») den Regie-Studiengang leitet: «Nutzt die große Verantwortung als Filmemacher, um Gewissheiten und Rollenbilder ins Wanken zu bringen und zu hinterfragen, anstatt sie mit ihren Bildern und Erzählungen zu reproduzieren.»

Von Cordula Dieckmann, dpa