Angela Merkel bei der Weltpremiere der Dokumentation «Die Unbeugsamen». (Urheber/Quelle/Verbreiter: Jörg Carstensen/dpa POOL/dpa)

Als Angela Merkel ins Bundeskanzleramt einzog, wurde in Deutschland ein Stück Geschichte geschrieben. Eine Frau als Kanzlerin? Wie fern diese Vorstellung lange schien, zeigt der Dokumentarfilm «Die Unbeugsamen».

Der Film beleuchtet, wie hart sich Frauen ihren Platz im Parlament erkämpft haben. Zur Premiere im Berliner Delphi-Filmpalast ist auch Merkel gekommen.

Mit ihren typisch gefalteten Händen lässt sie sich am Montagabend zwischen Frauen fotografieren, deren Geschichten letztlich auch ihr den Weg ins politische Spitzenamt ermöglicht haben dürften. Es sind Frauen, die sich gegen bis dahin geltende Normen behauptet und gegen Kollegen gewehrt haben, die sie belächelt und verspottet haben.

An den aufgereihten Fernsehkameras geht Merkel an dem Abend vorbei. Kurz vorher hat sie eine Pressekonferenz zur Lage in Afghanistan gegeben. Die militant-islamistischen Taliban haben dort faktisch wieder die Macht übernommen – nun wollen Deutschland und andere Staaten ihre Staatsbürger und gefährdete afghanische Ortskräfte ausfliegen.

Frauen in Afghanistan

Merkel erinnert an die Lage vieler Frauen im Land. An einem solchen Tag seien die Gedanken bei den vielen Frauen in Afghanistan, «die in diesen Tagen und Stunden um ihr Leben fürchten müssen, weil sie sich politisch engagiert haben», sagt die CDU-Politikerin im Kinosaal.

«Und im Gegensatz dazu leben wir natürlich vergleichsweise in einer gefestigten Demokratie.» Wir lebten mit einem Grundgesetz, das die Gleichberechtigung von Frau und Mann nicht nur festschreibe, «sondern – nach langen Diskussionen – den Staat verpflichtet, die Durchsetzung dieser Gleichberechtigung zu fördern und auf die Beseitigung bestehender Nachteile hinzuwirken», sagt Merkel.

Dennoch sei auch ein Engagement in der Bundespolitik und anderen politischen Bereichen für Frauen auch heute nicht immer einfach. «Aber was Politikerinnen in früheren Jahrzehnten erlebt haben, das ist nochmal ein ganz spezielles Kapitel bundesdeutscher Geschichte», sagt Merkel. «Gerade Politikerinnen hatten harte Auseinandersetzungen zu bestehen, und der Gegenwind in der scheinbar so beschaulichen Bonner Republik war gewaltig.»

Von den 50er Jahren bis zur Kanzlerschaft Merkels

Wie gewaltig der Gegenwind tatsächlich ausfiel, verdeutlicht der Dokumentarfilm von Torsten Körner («Schwarze Adler», «Angela Merkel – Die Unerwartete»). Sein neuer Film kommt nächste Woche, am 26. August, ins Kino. Der Zusammenschnitt aus Interviews und historischen Aufnahmen nimmt einen mit in frühere Jahrzehnte – von den 1950ern bis zur Kanzlerschaft Merkels wird gezeigt, welche Rolle Frauen in der (west-)deutschen Politik spielten.

Welchen Platz Frauen dabei lange zugewiesen bekamen, zeigen alte Einspieler. «Eine Frau hat zwei Lebensfragen», heißt es in einem Clip, «was soll ich anziehen und was soll ich kochen?»

In den historischen Aufnahmen sprechen manche Männer von oben herab über Politikerinnen oder kommentieren deren Aussehen. Ein Journalist ist irritiert, als er erstmals eine Ministerin vor sich sitzen hat – er ist unsicher, wie er sie ansprechen soll.

Thematisiert werden auch körperliche Übergriffe, im Alltag und in der Politik. «Was halten Sie denn eigentlich von Busen-Grapschen und Po-Kneifen?», fragt ein Reporter in einer Straßenumfrage unter Passanten. «Am Arbeitsplatz sollte man’s sein lassen», antwortet ein Mann, «und in der Freizeit (…) bin ich schon dafür.»

Nicht nur die historischen Ausschnitte – etwa von Parlamentsreden in Bonn – machen den Film überaus sehenswert. Sondern auch neu aufgezeichnete Gespräche aus jüngster Zeit, in denen etwa die früheren Bundesministerinnen Rita Süssmuth (CDU), Renate Schmidt (SPD) und Herta Däubler-Gmelin (SPD) zurückblicken.

«Selbst wenn es scheinbar um Selbstverständlichkeiten ging, wenn Frauen etwa den Verzicht auf sexistische Kommentare im Parlament forderten, wurden sie von männlichen Kollegen ausgelacht», kritisiert Merkel, die ihr Amt nach der nächsten Bundestagswahl nach 16 Jahren abgeben wird, in ihrer Rede. «Das waren keine harmlosen Witzeleien, sondern offen zur Schau getragene Machtgesten, einzig und allein, um Frauen in ihre Schranken zu weisen.»

«Ich spreche deshalb so deutlich diese Respektlosigkeit und diese Herabwürdigung an, weil viele Politikerinnen auch heute immer noch verbalen Angriffen, Drohungen und auch unverhohlenem Hass ausgesetzt sind. Insbesondere im Internet und den sozialen Medien», betont Merkel. Das sei einer demokratischen Gesellschaft absolut unwürdig. «Tatsächliche Gleichstellung von Frauen und Männern haben wir in Deutschland noch nicht erreicht. Es bleibt noch viel zu tun.»

Von Julia Kilian und Gerd Roth, dpa